Zukunft Wienerwald Nord-Ost: Mission erfüllt

Um in Wien-Donaustadt die Stadtwildnis am ehemaligen Verschiebebahnhof Breitenlee zu erhalten und der Öffentlichkeit zu erschließen, wurde im Mai 2014 der überparteiliche Verein “Zukunft Wienerwald Nord-Ost” gegründet.

Die Forderung Grüner Bezirkspolitiker und Naturschützer, das ökologisch wertvolle Bahnhofsgelände endlich und dauerhaft als Oase der Artenvielfalt zu bewahren, hat die Stadt nach vielen Jahren endlich zum Handeln gebracht. Die Wildnis, die nur etwa fünf Kilometer von der Lobau entfernt liegt, scheint nun langfristig gesichert zu sein.

Somit hat der Verein seine Mission erfüllt. Am 14. Jänner 2023 wurde er aufgelöst.

Das vorhandene Vermögen in Höhe von 490 Euro musste gemäß Statuten an eine Organisation „ähnlicher Zielsetzung“ übertragen werden. Die Generalversammlung beschloss, es dem „Lobaumuseum – Verein für Umweltgeschichte“ zu übertragen.

Die “Entdeckung” der wunderbaren Breitenleer G’stettn fand im Jahr 1984 statt. Dass es sie heute noch gibt, ist dem Einsatz von Bürgern, Biologen und Naturschützern zu verdanken. Hier die wechselvolle Geschichte:

Wie Wiens kostbarster Stadtwildnis erkannt und gerettet wurde

Im Sommer 1984 stellt sich bei den Arbeiten für die große Wiener Biotopkartierung heraus, dass – abgesehen von Lobau und Bisamberg – jenseits der Donau der stillgelegte Verschiebebahnhof von Breitenlee das wichtigste Naturreservoir der Stadt sei.

Dort würden Tiere und Pflanzen vorkommen, die für Wien einmalig seien. Etwa der in Österreich nur von hier bekannte osteuropäische Feld-Bergfenchel und der Hanfblättrige Eibisch, dessen letzte Nachweise aus dem vorigen Jahrhundert stammen.

Das Salz-Tausendguldenkraut, das in Wien sonst nur noch in den Staubecken des Wientales gedeiht. Und die Spatzenzunge, die man nur aus der Lobau und aus Unterlaa kennt. Die Vorkommen des Späten Bitterlings und des Acker-Schwarzkümmels zählen ebenso zu den Wiener Raritäten.

Die Tierwelt würde in Breitenlee mit einer hohen Vielfalt von Insekten aufwarten und mit für den 22. Bezirk auffallend vitalen Vorkommen von Zauneidechsen, Äskulapnattern und Blindschleichen, obendrein mit Rehen, Fasanen, Füchsen, Hasen und Wildschweinen. Das Areal gilt darüber hinaus als wichtiges Jagdgebiet für Fledermäuse und als Rast- und Brutplatz für zahlreiche Vogelarten.

Keine Frage: Das alte Bahnhofsareal ist Wiens kostbarste Stadtwildnis. Wie konnte es dazu kommen?

Die Widmung des Geländes ist ein Relikt aus der Zeit des Ersten Weltkriegs: 1914 wird mit der Planung des Bahnhofs begonnen, Anfang 1916 wird das Projekt genehmigt. In Folge der Inflation explodieren jedoch die Baukosten und im April 1921 muss das Vorhaben gestoppt werden. Im Dezember 1923 werden sämtliche Bautätigkeiten eingestellt – und nie wieder aufgenommen.

Das neunzig Hektar große Gebiet bleibt als „Eisenbahnanlage“ im Eigentum der Bundesbahnen, entwickelt sich im Lauf der Jahrzehnte zu einer Wildnis und zu einem unverzichtbaren Element eines zukünftigen, geschlossenen Wiener „Grüngürtels“ – ein Vorhaben, das die Stadt seit 120 Jahren ebenso beharrlich wie erfolglos zu verwirklichen versucht.

Im November 1995 beschließt der Gemeinderat, naturschutzfachlich wertvolle Flächen, die Teil eines solchen, umfassenden Wiener Grüngürtels sein könnten, vorsorglich zu sichern. Das betrifft vor allem den 21. und 22. Bezirk. Der Verschiebebahnhof Breitenlee zählt natürlich dazu.

Er steht zu dieser Zeit noch im Kreuzfeuer gegensätzlicher Interessen: Die ÖBB diskutieren den Bau eines Güterterminals, eine Umfahrungsstraße ist angedacht, die mitten hindurch führen würde, und es gibt sogar den Plan, das Areal für Kleingärten zu parzellieren.

Um all dies abzuwenden, befürwortet der Wiener Naturschutzbeirat 1998 in einer Resolution, den Bahnhof Breitenlee zum „Geschützten Landschaftsteil“ zu erklären. Die Magistratsabteilung MA 22 Umweltschutz erteilt einer Gruppe von Experten den Auftrag, rechtliche und faktische Grundlagen für eine Unterschutzstellung zu erarbeiten.

Zitat aus dem Bericht: “Der Breitenleer Bahnhof ist aufgrund seiner Größe das wichtigste Trittsteinbiotop zwischen Bisamberg und Lobau bzw. als Vorposten zum Marchfeld.”

In der Folge kommt die Entwicklung zum Stillstand. Im März 2012 wird die Bezirksorganisation Donaustadt der Grünen auf das Breitenleer Schmuckstück aufmerksam, das – wie sich herausstellt – bei den ÖBB noch immer als Reservefläche für einen Bahnhof gilt.

Im Dezember 2012 bringt das Team im Bezirksparlament eine Resolution ein, mit der Forderung, das Gebiet unter Naturschutz zu stellen. Die Resolution wird einstimmig angenommen.

Die Grüne Klubobfrau Eva Hauk trägt ihr Anliegen um die Bewahrung der Wildnis dem damaligen Donaustädter Bezirksvorsteher Norbert Scheed auch persönlich vor. Das Gebiet sei – so betont sie – doch eben der wichtigste Teil einer grünen Verbindungsachse zwischen Bisamberg und der Lobau, ein zweiter „Wienerwald“ sozusagen.

Norbert Scheed ist von Hauks Initiative angetan, im Juni 2013 geht er damit an die Presse und nennt das Projekt „Wienerwald Nord-Ost“.  Nun steht nicht mehr ausschließlich das Gelände des Verschiebebahnhofs im Fokus, sondern auch daran anschließende landwirtschaftliche Flächen im Ausmaß von vielen hundert Hektar.

Angesichts des Presse-Echos schließt sich Umweltstadträtin Ulli Sima der Initiative des Bezirksvorstehers an. Die Grünen Ideengeber werden nicht erwähnt. Als Eva Hauk Norbert Scheed damit konfrontiert, gibt sich dieser zerknirscht und verspricht von nun an eine Kooperation auf Augenhöhe.

Also versammelt sich im Frühjahr 2014 eine Gruppe von Donaustädtern unter dem Dach eines neuen, überparteilichen Vereins namens „Zukunft Wienerwald Nord-Ost“. Sie wollen das Projekt vorantreiben, endlich die rechtliche Absicherung des Gebietes als Teil des Wald- und Wiesengürtels verankern und bei der Verwirklichung des zukünftigen Naherholungsgebietes mithelfen – als Ideengeber und Informationsplattform.

„Durch das Engagement des Donaustädter Bezirksvorstehers, durch einstimmige Beschlüsse in der Bezirksvertretung, sowie dem Einsatz vieler Menschen an der Basis – letzteres ist der Zweck des Vereins – haben wir berechtigte Hoffnung, dass die Idee dieses Grünen Erholungsgebietes – in Form einer Stadtwildnis – in naher Zukunft verwirklicht werden kann.“

Die ersten Exkursionen in die wunderbare „G’stettn“ gibt es bereits 2013 – um die Stimmung zu schüren und um auf diese Weise auf den Bezirk und die Stadt Druck auszuüben.

Am 14. Juni 2013 pilgert somit erstmals eine erlesene Gruppe von Interessierten nach Breitenlee, darunter der Grüne Gemeinderat Rüdiger Maresch, Bezirksjägermeister Thomas Schön, Hannes Minich (†2017), der Präsident des Wiener Naturschutzbundes, Madeleine Petrovic, mittlerweile Präsidentin von Tierschutz Austria, sowie Reinhold Gayl, der ehemalige Leiter der Abteilung Ökologie am Naturhistorischen Museum Wien.

Ab 2014 werden solche Exkursionen im Rahmen des neuen Vereins und in Zusammenarbeit mit dem Wiener Naturschutzbund organisiert. Am 13. September 2014 zum Beispiel – trotz Schlechtwetters – ein Spaziergang unter der Führung von Prof. Wolfgang Adler, einem der besten Kenner der österreichischen Pflanzenwelt, in Begleitung des legendären Vegetationskundlers Univ. Prof. Kurt Zukrigl.

Die vielen Exkursionen mit professionellen Botanikern kommen immer zur gleichen Erkenntnis: Abgesehen vom Nationalpark Lobau ist das Gebiet die letzte große, zusammenhängende, wenig genutzte Fläche, die in Wien-Donaustadt als Grünstruktur weithin in der Landschaft zu erkennen ist.

Die Vegetation besteht zum einen aus Pioniergehölzen wie Pappeln, Wildkirschen, Feldulmen, Feldahorn, Schlehen, Liguster und Wildrosen, zum anderen aus Trockenwiesen. Der Biotoptyp „Halbtrocken- und Trockenrasen“ ist auf Wiener Stadtgebiet außerhalb der Heißländen der Lobau und im Wienerwald nur in geringem Ausmaß bzw. auf sehr kleinen Einzelflächen zu finden.

Kurzum: Der Breitenleer Verschiebebahnhof ist – wie schon 1984 erkannt – ohne jeden Zweifel ein Juwel.

Der wohlwollende Bezirksvorsteher Norbert Scheed verstirbt überraschend im Juli 2014. Seine Initiative hat glücklicherweise Bestand:

Im April 2015 beschließt die Stadt Wien, Scheeds Plan einer Erweiterung des Gebietes unter Einbeziehung landwirtschaftlicher Flächen in die Tat umzusetzen. Im Juni 2015 werden per Verordnung tausend Hektar zum Landschaftsschutzgebiet erklärt und in Gedenken „Norbert-Scheed-Wald“ benannt.

In den Worten der Stadtverwaltung:

„Mit dem Norbert-Scheed-Wald wird ein Erholungsraum mit besonderer Qualität geschaffen: ein vielfach nutzbarer zeitgemäßer Stadterholungsraum, der Ökologie, Naturschutz, Landwirtschaft, Erholung, Freizeit, Mobilität und Klimavorsorgefunktion in einzigartiger Weise vereint. Ein neues Leitsystem wird der Orientierung dienen und auf Besonderes aus dem Tier- und Pflanzenreich hinweisen, aber auch Interessantes zu Geschichte und Nutzung des Gebietes vermitteln. Erholungssuchende finden somit Raum für Entspannung und naturverträgliche Aktivität.“

Es sei ein Jahrhundertprojekt, werden die Botschafter der Stadtverwaltung nicht müde, immer wieder aufs Neue zu betonen. Am Anfang der Realisierung stehen Naturschützer, Grüne Bezirkspolitiker, der Wiener Naturschutzbund, ein paar Botaniker und der Verein „Zukunft Wienerwald Nord-Ost“.

Fotos: Kurt Kracher, Manfred Christ, Archiv Verein Zukunft Wienerwald Nord-Ost

Quellen:

  • E-Mail von Eva Hauk am 28.2.2023
  • Protokoll der Mitgliederversammlung des Vereins Zukunft Wienerwald Nordost am 14.1.2023
  • Norbert-Scheed-Wald https://www.wien.gv.at/umwelt/wald/erholung/wienerwald/norbert-scheed-wald.html (Abgerufen am 28.2.2023)
  • Christ, Manfred (2013): Wiens kostbarste Stadtwildnis. In: Kamerad Tier – Aktuelles für Tierfreunde. Zeitschrift des Vereins Blauer Kreis – Zoologische Gesellschaft Österreichs für Tier- und Artenschutz 3+4/2013 (Seite 6)
  • Mayer, Gerhard (2012): Bahnhofchronik Süßenbrunn – Breitenlee – Leopoldau – Gerasdorf (PDF von PPT)
  • ARGE Vegetationsökologie und angewandte Naturschutzforschung (1999): Sicherung des Verschiebebahnhofes Breitenlee als geschützter Landschaftsteil. Bericht im Auftrag der MA 22.
  • Christ, Manfred (1991): Verschiebebahnhof Breitenlee. In: ORF-Sendereihe „Treffpunkt Natur“ vom 25.4.1991 (Länge 12 Minuten)
  • Christ, Manfred (1984): Naturreservoir im Verschubbahnhof. In: Aussendung des Informationsdienstes für Bildungspolitik und Forschung (IBF) Nr. 4729 vom 16.7.1984

Kommentare

  • <cite class="fn">Helmut Sattmann</cite>

    Hoffentlich erfüllt sich das und wird nicht wieder gekippt! Aber Dank gebührt vor allem jenen, die sich so sehr für die Idee eingesetzt haben. Fortsetzungsgeschichte zum Wienerwald …

  • <cite class="fn">Helmut Breyer</cite>

    sehr erfreulich, das ist einmal eine gute Nachricht,

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